Nachgefragt bei Marko Letonja

Marko Letonja und Christian Kötter-Lixfeld im Gespräch

Christian Kötter-Lixfeld: Lieber Marko, herzlich willkommen an Deiner neuen Wirkungsstätte! Du bist nicht nur der Wunschkandidat unserer Orchestermusiker gewesen, sondern konntest auch die mit der Auswahl eines neuen Generalmusikdirektors betrauten Findungskommission sofort überzeugen. Das anspruchsvolle Bremer Publikum hast Du mit Deinen Gastdirigaten in den letzten Jahren bereits verzaubert, und die Kritik ist voll des Lobes.

Marko Letonja: Das freut mich zu hören. Ich weiß diesen Vertrauensvorschuss durchaus zu schätzen. Mit den Bremer Philharmonikern verbindet mich ja bereits seit einigen Jahren eine tiefe Freundschaft, die sich auch in unseren Konzerten widerspiegelt. Wir sprechen eine gemeinsame musikalische Sprache. Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass die Überzeugungskraft eines Orchesters nur vom Dirigenten abhängt, nein, wir bereichern uns gegenseitig und entwickeln uns gemeinsam weiter. Diesen Prozess erlebe ich gerade in Bremen sehr intensiv. Ich treffe hier auf ein Orchester, das auf einem sehr hohen Niveau mit großer Leidenschaft und Freude spielt und freue mich darauf, dazu beizutragen, diese Qualität konstant zu steigern.

Das erinnert mich daran, dass Du Dich selbst einmal als „Teamplayer“ bezeichnet hast. Wie dürfen wir uns Deine Arbeit mit dem Orchester genau vorstellen?

Als Zusammenarbeit, die auf gegenseitigen Respekt und Vertrauen basiert. Ich halte nichts vom autokratischen Stil älterer Dirigentengenerationen. Musiker sollen keine Angst vor mir haben und ich möchte nicht gefürchtet werden. Ich möchte das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen der Musiker steigern. In Straßburg sagte ein Musiker einmal zu mir: „Vous êtes le patron“, was keinesfalls mit „Sie sind der Chef“ zu verwechseln ist, sondern vielmehr als eine Assoziation zu einem fördernden, fordernden und achtsamen Paten, vielleicht Vater, verstanden werden darf. Ich glaube, dieses Bild bringt es ganz gut auf den Punkt. Als Dirigent definiert man zwar ganz klar den Rahmen, hat konkrete Vorstellungen und gibt genaue Anweisungen, wie ein Werk gespielt werden soll, aber das gewünschte Ergebnis kann tatsächlich nur dann erzielt werden, wenn alle dahinterstehen und gemeinsam zu dem besonderen Klang beitragen. Das funktioniert meiner Ansicht nach nur, wenn alle verstehen, dass wir in einem Boot sitzen und einander vertrauen müssen. Übrigens erlebe ich dies bei den Bremer Philharmonikern in einer erfreulich ausgeprägten Form, denn hier beginnt die Zusammenarbeit mit den Musikern bereits bei der Programmplanung und der Konzertdisposition. Das kenne ich von keinem anderen Orchester.

Das Motto unserer Spielzeit 2018/2019 lautet „Eine neue Zeit“. Passend dazu hast Du besondere Werke für Deine Konzerte ausgewählt.

Das stimmt. Und das Schöne daran ist, dass diese Konzertprogramme nicht nur zum Motto der neuen Konzertsaison passen, sondern auch zu meinen ganz persönlichen Wunschkonzerten gehören. Es handelt sich vorwiegend um Stücke von Komponisten, die ihrer Zeit voraus waren, die eine vollkommen neue Sprache entwickelten. Gleich zu Beginn etwa Béla Bartóks Konzert für Orchester – damit hat er neue Türen geöffnet und Klangräume entdeckt, die für den Großteil seiner Zeitgenossen jenseits aller Vorstellbarkeit lagen. Dieses bekanntermaßen schwierige Werk setzt das Orchester in den Mittelpunkt und bietet ihm eine große Bühne, um seine Klasse zu zeigen. Für eine Saisoneröffnung einfach ideal! Für mich ist dieses Konzert wie eine ID-Card eines Orchesters, die Reise in die neue Spielzeit kann beginnen.

Und die führt Dich vor allem zur Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts.

Ja, denn ich schätze diese mutigen, kompromisslosen Komponisten wie Bartók, Ligeti, Hindemith und Janácek sehr. Sie alle haben Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts geschaffen. Sie wecken meine Neugier immer wieder von Neuem, und ich bin wirklich gespannt, wie wir ihre Kompositionen gemeinsam erforschen und präsentieren können. Es sind alles Werke, die schon lange nicht mehr auf dem Konzertprogramm des Orchesters standen, z. B. „Mathis der Maler“ oder Lili Boulangers „D’un soir triste“, das sie genau vor 100 Jahren gegen Ende des Ersten Weltkriegs komponierte. Boulangers Musik hat eine zeitlose Schönheit, und es ist eine wahre Tragödie für die Musikgeschichte, dass sie so jung gestorben ist. Für mich ist es übrigens eine kleine Premiere, denn ich habe das Stück davor noch nie dirigiert, und es berührt mich sehr, dass ich es gerade zum Amtsantritt als Generalmusikdirektor und zu Beginn einer neuen Spielzeit dem Bremer Publikum vorstellen darf.

 

Kurz vor Weihnachten zeigst Du mit Duke Ellingtons „Nutcracker Suite“ und beim Neujahrskonzert mit Walzer- und Operettenklängen aber auch ganz andere Facetten. Und nicht zu vergessen das große Saisonfinale mit Filmmusik von Nino Rota, Michel Legrand und John Williams.

Genau diese Abwechslung macht meinen Beruf so spannend. Ich arbeite seit rund 30 Jahren weltweit mit den verschiedensten Orchestern und entdecke immer wieder Werke, die mir persönlich viel bedeuten. Es wird nie langweilig – ich wandele zwischen den Epochen und entdecke selbst vielgespielte Partituren immer wieder neu. Nur in der Alten Musik fühle ich mich nicht zuhause, die überlasse ich gern anderen Dirigenten und weiß sie dort in besten Händen.

Das Publikum wird Dich nicht nur als Dirigenten erleben, sondern auch als Moderator, denn die Werkeinführungen zu Deinen Philharmonischen Konzerten wirst Du selbst geben.

Mein großer Wunsch ist es, mit dem Publikum nicht nur konzertant in Kontakt zu kommen, sondern auch im Gespräch. Ich möchte die Konzertbesucher persönlich auf eine musikalische Reise einladen und sehe mich in diesem Sinne wie eine Art Reiseleiter, der auf Besonderheiten aufmerksam macht und diese erklärt, der dem Publikum mitteilt, weshalb gerade dieses oder jenes Werk auf dem Programm steht, was sich der Komponist dabei gedacht hat und wie wir das Werk heute interpretieren möchten. Persönliche Ansprache und direkter Kontakt mit dem Publikum sind mir äußerst wichtig.

Du gehst sogar noch einen Schritt weiter und lädst das Publikum zu kostenfreien, öffentlichen Proben in die Glocke ein. Pausenphiller nennt sich dieses neue Angebot.

Richtig. Ich möchte Musikinteressierten nicht nur das fertige Produkt anbieten, also das Konzert, sondern sie auch am Entstehungsprozess teilhaben lassen. Das Publikum darf uns quasi bei der Arbeit „über die Schulter schauen“. Dazu eignet sich die Haupt- oder Generalprobe zu einem Konzert optimal. Die Glocke liegt sehr zentral, im Herzen der Stadt. Warum also die Mittagspause nicht mal bei uns im Konzertsaal verbringen, anstatt in der Kantine oder Mensa?! Hier kann man seine Akkus wunderbar mit Musik aufladen.

Das Publikum spielt also bei Deinen Konzerten eine bedeutende Rolle?

Unbedingt, das Publikum soll nicht nur konsumieren, sondern auch partizipieren. Das Publikum ist für Musiker quasi lebenswichtig, denn nur wenn unsere Musik, unsere Interpretation beim Publikum ankommt, schließt sich der Kreis zwischen Komponist, Werk, Dirigent, Orchester und Publikum. Das sind die Augenblicke, an denen das flüchtige Liveerlebnis zu einem magischen Moment wird. Musiker und Publikum erleben gemeinsam Klangfarben, Energien und Emotionen – im Kopf, im Herzen und in der Seele. Auf der Bühne spüren wir sehr genau, wann der Funke überspringt, wann das Band zum Publikum unzertrennbar geknüpft ist – das zeigt sich eben nicht nur im Applaus, sondern auch in den Momenten, in denen z. B. während einer Generalpause der ganze Saal gespannt den Atem anhält. Solche Augenblicke gehören für mich zu den beglückendsten im Konzertsaal.

Dann wünsche ich dem Publikum und uns viele dieser Momente,
in denen sich der von Dir beschriebene Kreis schließt. Das neue GMD-ABO bietet dafür eine ideale Gelegenheit. Damit können Musikfreunde Dich in fünf Konzerten am Pult erleben – flexibel und spontan.

Das GMD-ABO ist für mich eine attraktive Ergänzung zu unseren beliebten Fest- und Flexi-ABOs. Flexibilität spielt in unserer immer schnelllebigeren Welt ja eine nicht zu unterschätzende Rolle. Besonders Berufstätige und im Alltag stark eingebundene Menschen können häufig nicht Monate im Voraus planen.

Denen kommen wir mit unseren flexiblen Abonnements sehr entgegen. Ganz nebenbei freue ich mich aber auch persönlich ganz besonders über das GMD-ABO, so kann ich hoffentlich innerhalb kurzer Zeit viele neue Bekannte im Konzertsaal entdecken.

Eine letzte Frage noch: Unsere Abendkonzerte beginnen ab der Spielzeit 2018/2019 bereits eine halbe Stunde früher, nämlich schon um 19.30 Uhr. Was hältst Du davon?

Ich begrüße das außerordentlich und bin sicher, dass sich Konzerte noch entspannter genießen lassen, wenn man das gute Gefühl dabei hat, dass die notwendige Nachtruhe durch den abendlichen Konzertbesuch nicht eingeschränkt wird. In unserer oftmals hektischen Zeit und dem stressigen Alltag kann das Konzerterlebnis somit zu einer Oase der Erholung werden, bei der keine Gedanken an einen späten Nachhauseweg und eine kurze Nacht stören.

Das Gespräch führten Christian Kötter-Lixfeld und Marko Letonja ganz entspannt und ausgeschlafen am Morgen nach einem Konzert bei einem Milchkaffee und einem Earl Grey.